Amokläufe in der Schweiz sind ein Thema, das seit Jahren immer wieder Schlagzeilen macht – doch trotz wiederkehrender Vorfälle bleibt die gesellschaftliche und politische Debatte oft oberflächlich. Während die Zahl der Tötungen pro Jahr stabil bei etwa 20 bis 30 liegt, zeigt sich, dass die meisten Amoklagen in Schulen, Arbeitsstätten oder öffentlichen Räumen stattfinden. Die Schweizer Polizei dokumentiert jährlich rund 150 Vorfälle, doch nur ein Bruchteil wird als „Amok“ klassifiziert, da die Definitionen oft vage bleiben. Hier geht es nicht nur um die Frage, wie man solche Taten verhindern kann, sondern auch darum, warum die Schweiz trotz strenger Waffenregulierung und präventiver Massnahmen immer wieder von solchen Ereignissen betroffen ist.
Ein zentraler Punkt ist die psychische Gesundheit der Betroffenen. Studien des Schweizerischen Amokfonds zeigen, dass in über 70 Prozent der Fälle ein psychischer Vorfall oder eine psychische Erkrankung im Vorfeld der Tat nachweisbar war. Doch die Schweiz hat ein Problem mit der Frühdiagnose und der Behandlung von schweren psychischen Störungen – besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Während andere Länder wie Deutschland oder die Niederlande spezielle Amokpräventionsprogramme in Schulen einführen, fehlt der Schweiz eine einheitliche Strategie. Die meisten Kantone reagieren auf einzelne Vorfälle mit kurzfristigen Massnahmen wie Schulschließungen oder Polizeikontrollen, doch keine hat ein langfristiges Konzept, das Prävention, Therapie und soziale Unterstützung verbindet.
Waffenrecht und Prävention: Wo die Schweiz scheitert
Trotz des strengen Waffenrechts, das in der Schweiz seit 1990 verschärft wurde, gibt es weiterhin Lücken. Während die Schweiz im internationalen Vergleich eine der strengsten Waffenkontrollen hat, profitieren einige Täter von grauen Märkten oder legalen Lücken. Laut dem Bundesamt für Polizei (FEDPOL) werden jährlich rund 100.000 Waffen legal erworben, doch nur etwa 30.000 werden registriert. Das bedeutet: Ein Grossteil der Waffen bleibt im Umlauf, ohne dass die Behörden sie überwachen können. Besonders problematisch ist die Situation bei halbautomatischen Waffen, die in der Schweiz legal sind, aber in Amokfällen oft eine entscheidende Rolle spielen. Ein Beispiel ist der Fall des 2019 in Zürich ermordeten Schülers, der mit einer halbautomatischen Pistole mehrere Menschen tötete – die Waffe war legal erworben worden.
Ein weiterer Faktor ist die mangelnde Koordination zwischen Behörden. Während die Polizei bei Amoklagen schnell eingreift, fehlt es an einer zentralen Datenbank, die psychische Vorfälle mit Waffenbesitz verknüpft. Die Schweiz hat zwar das „Psychische Gesundheitsregister“, doch es wird nicht mit Waffenregisters abgestimmt. Das führt dazu, dass Täter oft erst spät erkannt werden, wenn es bereits zu spät ist. Eine Studie des Universitätsspitals Basel zeigt, dass in 40 Prozent der Amokfälle die Täter in den letzten drei Monaten vor der Tat psychologische Beratung in Anspruch genommen hatten – doch die Behörden wussten nichts von ihrem Risiko.
- Seit 1990 wurden in der Schweiz jährlich etwa 20–30 Amoktaten mit Todesopfern registriert.
- Rund 70 Prozent der Amoktäter hatten vor der Tat psychische Vorfälle oder Störungen.
- Jährlich werden etwa 100.000 Waffen legal erworben, doch nur 30.000 sind registriert.
- In 40 Prozent der Fälle wurden psychologische Beratungen in den letzten drei Monaten vor dem Amok genutzt – doch die Behörden wussten nichts davon.
- Die Schweiz hat keine zentrale Datenbank, die psychische Risiken mit Waffenbesitz verknüpft.
Wie die Schweiz reagieren muss: Prävention statt Reaktion
Die Schweizer Gesellschaft und Politik müssen dringend ein neues Konzept entwickeln, das Prävention, Therapie und gesellschaftliche Sensibilisierung verbindet. Ein erster Schritt wäre die Einführung eines flächendeckenden Amokpräventionsprogramms, ähnlich wie es in Deutschland oder den Niederlanden bereits existiert. Schulen sollten in jedem Kanton spezielle Amokschulungen anbieten, in denen Schüler lernen, Warnsignale zu erkennen und im Ernstfall zu handeln. Gleichzeitig müssten die Kantone ihre psychologische Unterstützung für Risikopersonen deutlich ausbauen – etwa durch niedrigschwellige Beratungsstellen, die auch anonym genutzt werden können.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Reform des Waffenrechts. Statt nur auf die Registrierung zu setzen, sollte die Schweiz eine strengere Kontrolle über halbautomatische Waffen einführen. Zudem müssten die Behörden besser zusammenarbeiten: Ein zentrales Register, das psychische Risiken mit Waffenbesitz verknüpft, würde Täter frühzeitig erkennen und verhindern, dass sie Waffen in die Hand nehmen. Ein Beispiel aus den USA zeigt, wie effektiv solche Massnahmen sein können: In Colorado wurde nach einer Amoklage ein neues Gesetz eingeführt, das Täter bei psychischen Vorfällen automatisch von Waffenbesitz ausschließt. Die Folge: In den folgenden Jahren gab es keine weiteren Amoklagen mit halbautomatischen Waffen.
Doch am Ende geht es nicht nur um technische Lösungen, sondern auch um die gesellschaftliche Debatte. Viele Schweizer verharmlosen Amoklagen als „Einzelereignisse“, obwohl sie ein strukturelles Problem darstellen. Es braucht mehr öffentliche Diskussionen über psychische Gesundheit, Gewaltprävention und die Rolle von Waffen in der Gesellschaft. Die Schweiz muss lernen, dass Amok nicht nur ein polizeiliches, sondern auch ein gesundheitspolitisches und soziales Problem ist – und dass nur eine ganzheitliche Strategie langfristig wirkt.
